Trauermantel.de

Schmetterlinge (1985)

WikipediaPeter Kremer (1901-1989)

Schmetterlinge (1985)

"In unserer vergifteten Natur werden zuerst die zartesten Geschöpfte Gottes aussterben: Die Schmetterlinge und die Wiesenblumen." (M. Heidecker)

"...So lautlos wie nur ein Schmetterling fliegt, wenn ihn die taumelnde Schwinge wiegt, einer wehenden Blüte gleich." (Hans Leifhelm)

Heute abend, als ich noch am Schreibtisch sitzend, für eine Weile das Fenster geöffnet hatte, den Tabakrauch entschwinden zu lassen, besuchte mich ein Schmetterling in meiner Stube. Ein Trauermantel war es, ich sah ihn plötzlich, wie er mit zusammengelegten Flügeln auf einer schneeweißen Begonienblüte der Fensterbank saß. Was hatte ihn aus dem bergenden Mantel der Dunkelheit hier hergezogen? Das Licht meiner Lampe oder das reine Weiß der Blüte, oder war ihr leiser Duft zu ihm hinausgeweht? Lange stand ich vor ihm, vor diesem geheimnisvollen Wesen, das regungslos auf dem Blumenstern weilte und seine Schwingen ab und zu gedankenstill bewegte. Ich hätte ihn greifen können; die Sehnsucht der Knabenjahre, einmal einen Trauermantelfalter zu besitzen hätte jetzt erfüllt werden können, doch ich tat es nicht. Wer weiß, welche Trauerklage in ihm zu mir ausgeschickt war, welchen Trost, welche dunkle Sehnsucht er mir bringen wollte! Wie der Bote eine Geheimnisses erschien er mir und zugleich ein Bote der Erinnerung aus längst versunkener Jugendzeit.
Als ich noch ein Bauernjunge war und in den warmen Nachsommer- und Herbsttagen auf den Eifelwiesen und Drieschen die Kühe hütete, sah ich ihn zum erstenmal, den gaukelnden Samtfetzen aus purpurner Dunkelheit mit dem Goldsaum hinter nachtblauen Rundtupfen. Ich hielt ihn damals für den schönsten Schmetterling, schöner noch als Pfauenauge, Schwalbenschwanz und Distelfalter, weil sein samtdunkles Geheimnis mich anzog, das ich nicht zu deuten wußte. Die anderen Tagfalter waren hell und farbig wie die Sonne und Mittagslicht, wie die Blüten und Beeren; wenn sie dahinflatterten, war es wie ein lautloses Lachen des Sommertages, wie vorbei huschendes Sonnenglitzern. Der Trauermantel aber wollte mir nicht recht in den grellen Tag passen; er schien mir ein Wesen der Nacht, und sein Werden versetzte mich in geheimnisvolle Schieferstollen und düstere Waldgründe. Wenn er plötzlich vor dem Knabenblick schwebte, wenn er sich niederließ auf einem silbernen Himbeerblatt, auf einer weißen Brombeerblüte, verhielt ich den Atem, um seinen Atem zu spüren unter dem schwarzen Purpur seiner Flügel. Ich hätte es nicht gewagt, ihn zu berühren oder sogar zu fangen; eine innere Angst hatte ich vor dem Geheimnis, das schon in seinem Namen ruht, eine stille Ehrfurcht vor der Trauer, die von ihm uns anrührt. Er schien mir einem jenseitigen Reich anzugehören und nur dann und wann aus Sehnsucht nach dem Sonnenlicht sich in unseren hellen Tag zu verirren.
Einmal hetzte der lange Lipp, unsere Wiesen- und Schulkamerad, hinter einem Trauermantel her, ihn zu fangen, mit seiner Mütze ihn niederzuschlagen. Woher hätte er so jung schon wissen können, daß die höchste Schönheit verdirbt, wenn man sie begehrt, daß sie glanzlos wird, wenn man sie berührt, daß sie schon gestorben ist, wenn man sie besitzt. Er mußte seine Jagdgier mit dem Tode bezahlen; denn der Trauermantel gaukelte lockend vor ihm hin, und ehe er es merkte lag er im schwarzen Moorweiher, aus dem wir ihn nicht retten konnten. Aus dem Garten des Todes müssen sie auftauchen, dachte ich damals, sie müssen Boten des Jenseits sein, eine göttliche Trauer sprach zu mir aus dem schwarzen, unhörbaren Flügelschlag, und aus dem priesterlichen Schmucke der golddurchwirkten Borde. - An diesem Abend sprach ich lange mit der Trauermantelfalter in meiner Stube. Dann entließ ich ihn in die Freiheit. Ich opferte die Blüte und brach sie für ihn ab und legte sie draußen auf den Fensterstein, damit er unberührt in die Nacht entschweben konnte, in die samtblaue, wehmutsvolle Oktobernacht, in die er wie ein Zipfelchen von ihr entflog, wie ein ins Unsichtbare entwehender Hauch. Auch im Dunkel, so wußte ich, weilte er in des Schöpfers Hand. -

Auszug aus Eifeljahrbuch 1985 des Eifelvereins; Peter Kremer: Schmetterlinge Quelle: Kremer, 1985 - Schmetterlinge.

Mit freundlicher Genehmigung durch den /PicturesNA/Misc/spacer_10_10.gifEifelverein.

nach oben